Ich verkoste seit zwölf Jahren Weine und schaue mir an, was die Händler gerade anbieten. Die meisten Aktionen sind ihr Geld nicht wert – ich zeige dir, bei welchen Weinen es sich lohnt, und sage dazu, warum. Beim Verkosten hilft dir aber nicht nur der Blick auf das Etikett. Schon im Glas kannst du Hinweise auf Alter, Ausbau, Rebsorte und möglichen Zustand des Weins finden.
Wichtig ist dabei: Farbe, Klarheit und Viskosität sind keine Geschmacksprobe. Sie geben dir Anhaltspunkte, aber sie ersetzen weder den Geruch noch den ersten Schluck. Gerade im August, wenn Wein oft draußen bei hellem Sonnenlicht ausgeschenkt wird, lohnt sich ein ruhiger Blick besonders. Direktes Licht kann allerdings täuschen. Für eine verlässliche Beurteilung brauchst du möglichst neutrales Tageslicht und ein sauberes, farbloses Glas.
Das richtige Glas und der passende Hintergrund
Fülle das Glas nur etwa zu einem Drittel. So bleibt genug Raum, um es später vorsichtig zu schwenken. Halte das Glas am Stiel oder am Fuß und nicht am Kelch. Deine Hand erwärmt den Wein sonst unnötig und hinterlässt Fingerabdrücke, die die Beurteilung erschweren.
Um die Farbe zu prüfen, neigst du das Glas leicht über einen weißen Untergrund. Eine weiße Serviette oder ein Blatt Papier reicht aus. Beurteile den Wein zunächst im ruhigen Zustand. Erst danach schwenkst du ihn vorsichtig. Bei Rotwein ist ein weißer Untergrund besonders hilfreich, weil dunkle Weine im Glas schnell fast schwarz wirken.
Farbe: Mehr als nur hell oder dunkel
Bei Weißwein achtest du zunächst auf die Grundfarbe. Ein sehr heller Wein kann grünlich, zitronengelb oder blassgelb erscheinen. Das passt häufig zu jungen, frischen Weinen. Goldene oder kräftig gelbe Töne können auf Reife, einen längeren Ausbau oder einen etwas höheren Alkoholgehalt hinweisen. Bernsteinfarbene und bräunliche Nuancen sind bei bestimmten gereiften oder süßen Weinen normal. Bei einem eigentlich jungen, frischen Weißwein können sie jedoch ein Warnsignal sein.
Bei Rosé reicht das Spektrum von sehr blassem Zwiebelschalen-Ton über lachsfarben bis hin zu kräftigem Pink. Die Farbe verrät dabei nicht zuverlässig, wie süß der Wein ist. Ein heller Rosé kann trocken sein, ein kräftig gefärbter ebenfalls. Auch die Dauer des Kontakts mit den roten Traubenschalen beeinflusst den Farbton.
Rotweine verändern ihre Farbe im Laufe der Zeit. Junge Weine wirken oft violett, purpurrot oder rubinrot. Mit zunehmender Reife können sie ziegelrote, granatrote oder bräunliche Ränder entwickeln. Schau deshalb nicht nur auf die Mitte des Weins, sondern auch auf den Rand im geneigten Glas. Ein deutlich bräunlicher Rand kann auf Reife hindeuten. Er ist aber kein Beweis dafür, dass der Wein besser oder schlechter ist.
Klarheit: Trüb ist nicht automatisch fehlerhaft
Halte das Glas gegen einen hellen, neutralen Hintergrund. Ein sauberer Wein wirkt meist klar und lässt Licht durch. Achte auf Schwebstoffe, Flocken oder einen insgesamt nebligen Eindruck. Bei filtrierten Weinen fällt Trübung eher auf. Naturbelassene oder unfiltrierte Weine können dagegen bewusst etwas wolkig sein und trotzdem völlig intakt schmecken.
Auch ein Depot am Boden einer Rotweinflasche ist nicht grundsätzlich ein Mangel. Es kann sich um Farb- und Gerbstoffe handeln, die sich mit der Zeit abgesetzt haben. Du solltest sie nicht unbedingt mit einschenken. Gieße den Wein langsam aus und lass den letzten Rest in der Flasche. Bei älteren Rotweinen kann sich ein Depot auch am Flaschenrand sammeln.
Kristalle am Flaschenboden oder im Glas sind meist Weinstein. Sie entstehen aus natürlichen Bestandteilen des Weins und sind gesundheitlich unproblematisch. Sie fühlen sich allerdings unangenehm sandig an. Ein plötzlicher, auffälliger Schleier zusammen mit unangenehmen Gerüchen ist dagegen ein Grund, den Wein genauer zu prüfen. Die Klarheit allein sagt aber noch nicht, ob ein Wein fehlerhaft ist.
Viskosität: Was die Schlieren im Glas bedeuten
Nach dem vorsichtigen Schwenken läuft der Wein an der Glaswand hinab. Dabei können sich sogenannte Schlieren oder Kirchenfenster bilden. Fließt der Wein langsam und in breiten Bahnen zurück, wirkt er viskoser. Ein dünnflüssiger Wein läuft schneller ab. Diese Beobachtung wird häufig überinterpretiert.
Deutlich sichtbare Schlieren bedeuten nicht automatisch, dass der Wein besonders hochwertig ist. Die Viskosität hängt vor allem von Alkohol, Zucker, Extrakt und Temperatur ab. Ein süßer Wein zeigt oft stärkere Schlieren als ein trockener. Auch ein alkoholreicher Wein kann langsamer laufen, ohne deshalb aromatisch ausgewogener zu sein. Ein kühler Wein wirkt außerdem häufig etwas zähflüssiger als ein warmer.
Wenn du die Viskosität beurteilst, frage dich deshalb nicht: „Ist dieser Wein gut?“ Frage lieber: „Welche Eigenschaften könnten dahinterstecken?“ Stärkere Schlieren können bei einem kräftigen oder süßeren Wein zu erwarten sein. Sehr schwache Schlieren passen eher zu einem leichten, trockenen Stil. Erst der Geruch und Geschmack zeigen dir, ob diese Erwartung tatsächlich zutrifft.
So gehst du beim Prüfen in drei Schritten vor
- Ruhig ansehen: Prüfe Farbe, Intensität und Rand. Nutze einen weißen Hintergrund und möglichst kein direktes Sonnenlicht.
- Klarheit beurteilen: Suche nach Trübung, Schwebstoffen oder Depot. Frage dich, ob diese Erscheinung zum Weinstil passen könnte.
- Schwenken und beobachten: Achte darauf, wie schnell der Wein zurückläuft. Ziehe daraus nur eine vorsichtige Vermutung über Alkohol, Zucker oder Körper.
Danach kommt der entscheidende Vergleich: Riecht der Wein frisch, sauber und passend zu seinem Stil? Wirkt er am Gaumen leicht oder kräftig, trocken oder süß, lebendig oder müde? Wenn dein Eindruck aus dem Glas nicht zum Geschmack passt, vertraue nicht blind auf die Optik.
Die häufigsten Fehlschlüsse
Ein dunkler Rotwein ist nicht automatisch kräftiger als ein heller. Ein goldener Weißwein muss nicht süß sein. Viele Schlieren beweisen keine Qualität, und ein klarer Wein ist nicht zwangsläufig aromatischer. Auch die Glasform, die Füllmenge und die Beleuchtung verändern deinen Eindruck.
Mein Rat für deine nächste Verkostung im August: Stelle zwei Weine nebeneinander, verwende gleiche Gläser und notiere zuerst nur Farbe, Klarheit und Schlieren. Erst danach riechst und probierst du. So lernst du, optische Hinweise von vorschnellen Bewertungen zu trennen. Mit der Zeit entwickelst du ein besseres Gefühl dafür, was dir das Glas tatsächlich verrät – und was du erst beim Trinken herausfinden kannst.