Ich verkoste seit zwölf Jahren Weine und schaue mir an, was die Händler gerade anbieten. Die meisten Aktionen sind ihr Geld nicht wert — ich zeige dir, bei denen es sich lohnt, und sage dazu, warum. Nebenbei erkläre ich dir, worauf du beim Kauf achten kannst, damit du irgendwann selbst entscheidest statt zu raten.
Beim Verkosten scheitern viele nicht am Wein, sondern an der Erwartung. Sie riechen ins Glas und glauben, sofort Pfirsich, Veilchen oder nasse Steine erkennen zu müssen. Das ist unnötiger Druck. Deine Nase muss nicht erraten, was auf einer Aromenliste steht. Sie soll dir zunächst sagen, ob ein Duft eher fruchtig, würzig, kräuterig, blumig, erdig oder frisch wirkt. Die genaue Bezeichnung kommt später – und manchmal gar nicht. Auch das ist eine brauchbare Wahrnehmung.
Warum du Gerüche zuerst vergleichen solltest
Die Nase arbeitet besser mit bekannten Vergleichspunkten als mit abstrakten Begriffen. Wenn du einen Wein als „grün und frisch“ wahrnimmst, ist das schon ein Anfang. Danach kannst du prüfen, ob dich der Eindruck eher an Apfelschale, frisch geschnittenes Gras, Zitruszeste oder Kräuter erinnert. Wichtig ist die Reihenfolge: erst die grobe Richtung, dann die mögliche Einzelnote.
Im August findest du dafür besonders viele einfache Übungsmaterialien. Schneide etwa Pfirsich, Apfel, Zitrone und eine reife Birne auf. Lege außerdem frische Kräuter wie Minze oder Basilikum sowie etwas Pfeffer, Vanille oder geröstetes Brot bereit. Du musst nichts kaufen, was du sonst nicht verwendest. Deine Küche und ein Spaziergang liefern genug Gerüche.
Die erste Übung: Gerüche bewusst abspeichern
Nimm dir drei bis fünf Lebensmittel und rieche jeweils kurz daran. Nicht zehn Sekunden lang und nicht mit Gewalt. Ein bis zwei ruhige Atemzüge reichen. Schließe danach die Augen und benenne den Geruch mit deinen eigenen Worten. „Süßlich“, „säuerlich“, „grün“, „warm“ oder „frisch“ sind völlig in Ordnung.
Rieche anschließend noch einmal daran und achte auf die Stärke. Ist der Duft sofort da oder musst du danach suchen? Wirkt er klar oder eher vermischt? Genau diese Unterschiede helfen später beim Wein. Ein Wein kann beispielsweise deutlich nach Zitrus riechen, ohne dass du eine bestimmte Zitrusfrucht nennen musst.
Die zweite Übung: Blind vergleichen
Stelle zwei ähnliche Dinge nebeneinander, zum Beispiel grünen und roten Apfel oder frische und getrocknete Kräuter. Rieche zuerst an beiden, ohne hinzusehen. Beschreibe den Unterschied, bevor du die Lösung überprüfst. Dabei trainierst du nicht nur dein Gedächtnis, sondern auch deine Aufmerksamkeit für kleine Abweichungen.
Du kannst diese Übung später mit zwei Gläsern Wein wiederholen. Schenke gleiche Mengen ein und rieche zunächst an beiden, ohne eine Vermutung über Rebsorte oder Herkunft anzustellen. Frage dich nur: Welcher Wein riecht frischer? Welcher wirkt reifer, würziger oder zurückhaltender? Wenn du erst die Unterschiede beschreibst, kommst du seltener in die Versuchung, eine vorgegebene Antwort zu suchen.
So riechst du ein Glas richtig
Fülle das Glas nicht zu voll. Schwenke den Wein zunächst nicht, sondern rieche kurz an der ruhigen Oberfläche. Danach bewegst du das Glas vorsichtig und riechst erneut. Durch das Schwenken gelangen mehr Duftstoffe in die Luft. Der zweite Eindruck ist deshalb oft intensiver, aber nicht automatisch besser.
Gib deinem Wein zwei oder drei kurze Riechpausen. Nach mehreren tiefen Atemzügen gewöhnt sich die Nase an den Geruch. Dann wirkt alles gleichförmig. Ein Schluck Wasser, ein paar Minuten Pause oder ein neutraler Geruch helfen besser als noch stärkeres Schwenken.
Vom Geruch zur Aromafamilie
Statt einzelne Aromen abzuhaken, ordnest du deine Eindrücke zunächst in Gruppen ein:
- Fruchtig: Zitrus, grüner Apfel, Pfirsich, Beeren oder Trockenfrüchte.
- Blumig: etwa Rose, Holunderblüte oder ein allgemein parfümierter Eindruck.
- Kräuterig und grün: frische Kräuter, Gras, Blätter oder eine pflanzliche Note.
- Würzig: Pfeffer, Gewürznelke, Muskat oder warme Gewürze.
- Röstig und warm: Toast, Kaffee, Kakao oder Nüsse.
- Erdig und mineralisch wirkend: feuchte Erde, getrocknete Blätter oder ein kühler, steiniger Eindruck.
Diese Gruppen sind keine Bewertung. Ein Wein mit Kräuternoten ist nicht automatisch besser oder schlechter als einer mit Frucht. Sie helfen dir nur, deine Wahrnehmung zu sortieren.
Ein einfaches Verkostungsprotokoll
Schreibe bei jedem Wein höchstens fünf Punkte auf: den ersten Geruch, den Eindruck nach dem Schwenken, die stärkste Aromagruppe, eine mögliche konkrete Erinnerung und die Entwicklung nach einigen Minuten. Formuliere vorsichtig: „erinnert mich an“ ist treffender als „ist eindeutig“. Deine persönliche Geruchserfahrung spielt eine große Rolle. Was für dich nach Pfirsich riecht, kann jemand anderes als Aprikose beschreiben.
Rieche den Wein am nächsten Tag noch einmal, falls etwas übrig bleibt und korrekt verschlossen wurde. Manche Weine zeigen dann mehr würzige oder erdige Eindrücke, andere wirken flacher oder oxidiert. Auch dieser Vergleich schärft deine Nase.
Was du beim Training vermeiden solltest
Verkoste nicht direkt nach dem Zähneputzen, nach stark gewürztem Essen oder in einem Raum mit Duftkerzen. Parfüm, Rauch und frisch gemahlener Kaffee überlagern viele Weinaromen. Kaffee eignet sich deshalb nicht zuverlässig, um die Nase „zu neutralisieren“. Besser sind frische Luft und Wasser.
Und noch etwas: Du musst nicht jede Beschreibung bestätigen können. Aromen entstehen durch Rebsorte, Reife, Ausbau und Lagerung, aber deine Wahrnehmung bleibt immer individuell. Wenn du regelmäßig vergleichst und deine eigenen Begriffe ernst nimmst, erkennst du mit der Zeit mehr. Nicht, weil deine Nase plötzlich perfekt arbeitet, sondern weil du gelernt hast, genauer hinzuhören.